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Ein Tag bei der Schach - WM in Bonn. | Ein Tag bei der Schach - WM in Bonn. |
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| Geschrieben von Wolfgang Thieme | |
| Donnerstag, 30. Oktober 2008 | |
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„Das bekommst Du in deinen Leben nicht noch einmal geboten, zumindest nicht in der näheren Umgebung“, sagte ich mir und beschloss, da musst du hin, zur Schach-Weltmeisterschaft nach Bonn – wenn nicht jetzt, wann dann?
Sehr günstig waren Karten für den letzten Oktobersonntag bei eBay zu ergattern, aber nur anfangs, denn an der Tageskasse (€ 35,00) waren diese längst ausverkauft. Locker rasten die Gebote an meinem Höchstgebot von € 34,45 vorbei auf fast das Doppelte und ich guckte natürlich in die Röhre.
Ein mit dieser Sportart nicht vertrauter Leser wird fragen: 35 Euro für eine lächerliche Schachpartie, zudem noch nicht einmal selber spielen – nur zugucken – und das mucks- mäuschenstill? Dann auch noch auf diesem hohen weltmeisterlichem Niveau – für den Laien überhaupt nicht, und für den durchschnittlichen Vereinsspieler kaum zu durchschauen. Ja, so ist das eben bei Infizierten dieser Nischensportart – für mich wäre es auch völlig undenkbar, weit mehr als 100 Euro für kreischende Bühnenaktivisten bei Rockkonzerten auszugeben.
Wenn man schon acht Urlaubstage jedes Jahr für das „Internationale Chessorg Schachfestival“ in Bad Wörishofen/Allgäu opfert (man „opfert“ ja gar nichts, sondern zieht einen schachsportlichen Nutzen daraus), kommt es auf einen halben Urlaubstag mehr oder weniger auch nicht mehr an, dachte ich - was meine bessere Hälfte ganz anders sieht.
Also, die letzte Chance war der darauffolgende Montag, der vermeintlich letzte Spieltag, denn Schachweltmeister Viswanathan Anand führte gegen Wladimir Kramnik bereits mit 6 : 3 Punkten und benötigte nur noch ein Remis zur Titelverteidigung.
Schnell schlossen sich mir zwei Vereinskameraden an, wobei einer schon frühzeitig losfuhr um die nötigen Eintrittskarten zu besorgen. Kurz vor dem Ziel meinte mein Begleiter „....Mein Navi spinnt mal wieder, ich weiß ganz genau, dass sich die Bundeskunsthalle linksrheinisch befindet“, und schwups waren wir auch schon über’m Rhein, denn die Abfahrt auf die A59 war gesperrt. Aber keine Sorge sagten wir uns, wir haben ja eine Vorhut vor Ort.
Bundeskunsthalle Bonn. Ein futuristischer Neubau, ideal geeignet für solch' ein Schachevent. Die besondere Atmosphäre im geräumigen Foyer mit einem riesigen Schachspiel im Eingangsbereich, überdimensionalen Wandpostern, Cafeteria, Sitzgruppen und jede Menge Pressevertreter sowie Kamerateams aus aller Welt, verriet, hier findet etwas Besonderes statt. Unübersehbar auf Schritt und Tritt die Präsenz der Sponsoren EVONIK und GAZPROM. Ohne diese Geldgeber geht auch im Schachsport gar nichts.
Der nur einzeln passierbare Eingangsbereich zum Spielsaal glich fast einer Passagierkontrolle im Flughafen. Genaue Kartenkontrolle, Ruhepflicht, Hinweis auf Handyabschaltung und absolutes Foto- und Blitzlichtverbot, jedoch ohne Leibesvisitation.
15 Uhr. Mehr als 30 Pressephotografen und Kamerateams haben sich vor der abgesperrten, erhöhten und in difuses Licht gehüllten Bühne postiert, als der indische Weltmeister Viswanathan Anand, - der übrigens für den amtierenden deutschen Mannschaftsmeister Baden-Baden in der Schach-Bundesliga am 1. Brett spielt - begrüßt durch den Hauptschiedsrichter, unter großem Applaus der ca. 400 Zuschauer am Schachtisch Platz nimmt. Alle Figuren rückt er noch einmal zurecht, obwohl sie akkurat aufgebaut sind. Umgeben von seinem Sekundanten- und Mitarbeiterstab trifft dann mit leichter Verspätung der Russe Wladimir Kramnik ein, denn seine Schachuhr läuft bereits. Nach dem Händedruck mit seinem Kontrahenten zieht Kramnik den weißen Bauern und notiert auf seinem Partieformular d2 – d4. Fünf Minuten haben die Medienvertreter nun Zeit ihre Arbeit zu verrichten, danach wird es still im abgedunkelten Saal.
Wenn es aus tausenden Kehlen am Wochenende beim Fußball-Bundesligaspiel durch das Stadionrund „Abseits“ schallt, weiß auch der letzte, was gemeint ist. Als Anand im 3. Zug seinen schwarzen Läufer von f8 nach b4 zog, wusste jeder im theaterartigen Rund, dass es sich um die „Nimzoindische-Verteidigung“ handelt, nur - man hörte nichts. Fachpublikum eben! Und die weitere zügige Ausführung der Eröffnungsphase, wobei die ersten 15 Züge in weniger als 20 Minuten absolviert wurden, ließ darauf schließen, dass beide Großmeister sich auf bekanntem Terrain bewegten und alles schon einmal auf dem Brett hatten. Erst der 18. Zug Turm von d1 nach e1 war wohl eine von Kramnik und seinem Team in häuslicher Analyse vorbereitete Neuerung, die Anand in lange Überlegungen versinken ließ.
Für mich die Gelegenheit, einigen Besuchern im Zuschauersaal nachzueifern, die Videosequenzen ohne Lichtquellen mit ihren Digitalkameras aufnahmen, was augenscheinlich erlaubt war. Hierzu löste ich den Klettverschluss der am Hosengürtel befestigten Phototasche und „raaatsch“ – die Aufmerksamkeit der in meiner Nachbarschaft sitzenden Zuschauer war mir gewiss, konnte man doch die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Ich brachte die Kamera in Position – und hatte dazu auch alle Einstellungen vorher überprüft – denn in diesem Halbdunkel war das für mich nicht mehr möglich. Ich betätigte den Auslöser und vermisste noch bei Aufnahmebeginn das „REC“ – dafür kam ein greller Blitz!
Ach du Sch...., Kamera schnell weg und tief in den Konzertsessel geduckt. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt um festzustellen, ob sich die beiden Cracks auf der Bühne gestört fühlten. Es half alles nichts, von rechts drängelte sich bereits eine Hostess durch meine Sitzreihe, um mir unmissverständlich klarzumachen, dass ich den Spielsaal zu verlassen hätte. Auch der Hinweis auf einen technischen Defekt half da nichts. Ich stand auf, vermied schamhaft jeglichen Blickkontakt mit den Anwesenden. Bei den oberen Reihen angekommen, wollte ich wenigstens die Partie im Stehen verfolgen, aber ich wurde bis zum Ausgang eskortiert.
Ja, was nun? Wenn schon nicht mehr die Partie live, dann mit Erklärungen am Demonstrationsbrett im Analyseraum dachte ich. Bevor der erreicht war – ebenfalls nur mit Eintrittskarte zu betreten – musste man notgedrungen an einem riesigen Stand mit Schachutensilien (Spiele, Bücher, Uhren, Software, Computer etc.) vorbei. Hat man diesen Bereich ohne größere Einbußen im Portemanaise passiert, bekommt man hier unter Anleitung der beiden Großmeister Dr. Helmut Pfleger und Klaus Bischoff tiefere Einblicke in die laufende Partie Auch hier geben sich Pressevertreter und Fernsehteams die Klinke in die Hand. Ein Interview mit dem Präsidenten des deutschen Schachbundes Prof. Dr. Robert von Weizsäcker (Sohn des früheren Bundespräsidenten) und kabarettistische Einlagen von Jürgen Becker (WDR - Mitternachtsspitzen) sind für sie dankbare Objekte.
Auch dieser geräumige Raum war voll besetzt und ich wunderte mich sehr, hatten doch meine beiden Mitreisenden zwei Plätze in der vordersten Reihe inne, wobei die ersten beiden Reihen, im Gegensatz zu den anderen Sitzreihen spärlich besetzt waren. Ich kämpfte mich bis zu ihnen durch und setzte mich dazu. Nach dem auch mir die Ausführungen der beiden Großmeister zu einem besseren Verständnis der erreichten Position verholfen haben, wollte ich mein Glück noch einmal im Live-Room versuchen, stand auf, schaute auf die gerade verlassene Sitzgelegenheit (hatte ich auch nichts liegenlassen?) und sah die großen Letter auf den Rücklehnen der ersten Stuhlreihe: „V.I.P“. „Na, wenn schon die Partie nicht live, dann wenigstens ein Platz in der ersten Reihe“ dachte ich.
Bei der Eingangskontrolle verhalf mir dann wohl mein scheinbar unscheinbares Aussehen auch wieder zu meinem angestammten Platz im Spielsaal, wo wir zu Dritt den ersten Sieg Kramnik’s und damit die Fortführung des WM-Matchs miterlebten durften. Die Schachsoftware auf meinem PDA zeigt nach dem 29. Zug von Weiss einen Vorteil von 1,3 Bauerneinheiten für den Russen. Für uns durchschnittliche Schachspieler kein Grund für größere Aufregungen. Die zerstörerische Qualität des letzten und entscheidenden Zuges Dame von a6 nach d6 erschloss sich uns erst nach längerem Nachdenken. Der rauschende Beifall beim Shakehands der beiden Spieler ließ viele Anwesenden für Sekunden an ein Remis und damit an ein Ende des Wettkampfes glauben. Doch das 1 : 0 auf der übergroßen digitalen Leinwand dokumentierte Kramnik’s Sieg.
„Auf ein Neues“ sagte ich mir nach den Eindrücken dieses Tages, denn vom 12. – 25. November 2008 findet in Dresden die Schach-Olympiade statt - nach den Olympischen Sommerspielen die größte Sportveranstaltung überhaupt. Meine Frau denkt schon mit Grauen daran. |
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